Reportage

ReportageDie Reportage ist eine der Königsdisziplinen unter den Journalisten. Das Merkmal dieser oft langen Texte ist die Lebendigkeit. Das Thema wird durch Perspektivenwechsel, Ortswechsel und die Gefühle des Autors ergänzt. Gut geschriebene Reportagen fesseln den Leser vom Anfang bis zum Ende, daher kann man nicht wie bei der Nachricht von einem Lead-Stil sprechen. Reportagethemen sind oft einzelne rote Fäden innerhalb von großen Prozessen (Familienschicksal während des Tsunamis; Fehde zwischen zwei Familien, etc.) Für eine Reportage ist der Autor fast immer vor Ort und reflektiert die Ereignisse, die ihm während seiner Recherche widerfahren sind.

Textbeispiel:
Die Zettel mit den Namen der Leckereien hängen an der Wand und lesen sich eigentlich ganz übersichtlich: Grünzeug mit Räucherlachs, Spaghetti mit Tomaten und Basilikum, Perlhuhn und papas bravas Ofengemüse. Als Nachtisch soll es Valrhona mit Espressomousse geben.
"Alles klar, oder?" fragt Christoph Nauheimer gut gelaunt und die restlichen Kochkursteilnehmer grinsen.
Ob ich wohl die Einzige bin, die spontan keine konkrete Vorstellung von papas bravas Ofengemüse hat? An den nächsten kritischen Programmpunkt "Valrhona" will ich noch gar nicht denken. Hoffentlich merken die anderen nicht...
"Kochen nach Gefühl" und ohne konkretes Rezept ist das Motto des Abends. Okay, das Grünzeug anrichten bekomme ich auch noch hin, denke ich mir und sehe verstohlen nach links und rechts. Mehr Frauen als Männer, aber alle sehen stark konzentriert auf die Küchenplatte. Keiner will der Doofe der Küche sein.
Trotz meines Unwissens bezüglich des Ofengemüses merke ich langsam, wie sich meine Hand entspannt und ich mich nicht mehr so verkrampft an dem schmackhaften Prosecco-Weißwein-Zitronen-Thaibasilikum-Glas festhalte. Zurück zum Salat: Das Dressing besteht aus einer halbfertigen Salatsoße, Limetten, Chillisoße, Salz und Pfeffer. Sehr sympathisch, das mit der Salatsoße. Die Gewürze rieseln mir nicht so locker durch die Finger, wie den beiden Kochkurs-Gastgebern, aber gut.
Gastgeber trifft in der Kochschule von Christoph Nauheimer den Nagel auf den Kopf. Der 35-Jährige lebt zusammen mit seiner Frau Sylvie Kwiek in der Kochstudio-Wohnung direkt am Viktualienmarkt. Im Wohnzimmer knautschen sich riesige Sitzsäcke, in den beiden Esszimmern stehen unterschiedlich große Esstische und die Küche ist eine Mischung aus Kochstudio-Küche und etwas Anderem. Dieses etwas Andere suche ich den halben Abend. Wahrscheinlich ist es einfach das "Normale" zwischen dem Dampfherd, Superofen und Designgeschirr.
Für die Tomatensoße sollen wir unterschiedliche Tomaten schneiden, weil die Soße dann am besten schmeckt. Unauffällig versuche ich immer noch mein Gehirn zu befragen, was es denn mit dem Ofengemüse auf sich haben könnte, als Christoph ein Messer nimmt und zeigt, wie er die Kartoffeln eben dafür gerne gewürfelt hätte. Als Kartoffeln, frischer Knoblauch, Zucchini und Auberginen geschnitten sind, kommt alles auf ein großes Backblech. Grammangaben gibt es nicht, nur der Tipp "sechs mittelgroße Kartoffeln für zwei Personen."
Derweil rührt Sylvie in einem Topf mit der Tomatensoße und ich geselle mich zu den anderen Umstehenden. Zucker sei wichtig, um die Säure herauszunehmen und bei Spaghetti ist die raue Oberfläche entscheidend, nicht der Durchmesser der einzelnen Nudel. Während die Nudeln kochen, die Tomatensoße vor sich hinköchelt, mariniert Christoph die Perlhuhnteile ein. "Wenn eine Gewürzmischung gut ist, warum dann nicht nehmen?" sinniert Christoph. Gutes Olivenöl würde bei einer Marinade viel ausgleichen.
Die Gerichte schmecken prima und ich fühle mich für zu Hause inspiriert. Ob es am Schluss ein Rezeptbüchlein für die Gerichte ohne Rezepte gibt? "Nein, aber für diese Gerichte haben Sie jetzt ein Gefühl, glauben Sie nicht?" sagt Christoph Nauheimer verschmitzt. Stimmt, dafür habe ich jetzt ein Gefühl. Und als ich das Valrhona-Espressomousse esse, fällt mir auch wieder ein, das Valrhona einfach eine gute Schokoladenmarke ist. So einfach also. -jeb-